Referat FRANZ KAFKA (1883 - 1924) (2022)

FRANZ KAFKA

Biographie:

Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 in Praggeboren, wo er auch die Volksschule und das humanistische Gymnasium besuchte;damals ein reines Trainingsinstitut für die beiden klassischen Sprachen, denendie Hälfte aller Stunden gewidmet war - Kunst, Musik und moderne Fremdsprachengab es nicht als Fächer, Deutsch lediglich als dreistündigen Lesebuchkursus:Gedichte 'memorieren', poetische Gattungen lernen. Ein verlogenesSystem, das sich ausdrücklich (so Kafkas Klassenlehrer wörtlich) gegen Schülerrichtete, 'welche die Kunst des Fabulierens von Haus aus mitbringen'.Das Gymnasium war nicht geeignet, wie Kafka schrieb, auch nur einen FunkenAnteilnahme zu erwecken, ebenso die wenigen erzieherischen Bemühungen derEltern. 'Unberaten' sei er damals gewesen, schreibt Kafka später. Sogewannen weltanschauliche Fragen schon früh Bedeutung: Der Schüler liestDarwin, Haeckel, Nietzsche und abonniert den von Ferdinand Avenariusherausgegebenen 'Kunstwart', schließt sich den Zielen desantikleralen Vereins 'Freie Schule' an und beschäftigt sich mitFragen des Sozialismus.

Die Konstellation scheint früh ausgeprägtgewesen zu sein: Ein starkes Interesse an allgemeinen (literarischen,politischen oder sozialen) Fragen, aber Unsicherheit, Angst,'Unberatenheit' dort, wo diese Fragen sich materialisieren oderpersonalisieren: wo aus Heiratsüberlegungen ein Verlobungszeremoniell werdensoll, aus politischen Gedanken ein beruflicher Entschluß, aus Überdruß einOrtswechsel. Und diese Untentschiedenheit war wiederum Anlaß zu jenerfortwährenden Selbstkritik, die die Tagebücher und Briefe Kafkas füllt.

Nach dem Abitur (1901) studierte Kafka imersten Semester zuerst Chemie, dann Jura und Kunstgeschichte, im zweitenSemester Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie. Im Herbst 1902 wollteKafka das Germanistikstudium in München fortsetzen, ein Plan, dem sich offenbarder Vater widersetzte. So blieb Kafka in Prag und studierte Jura: Römisches,kanonisches und deutsches Rechts, ”österreichisches Zivil- und Strafrecht,allgemeines und österreichisches Staatsrecht, Völkerrecht, politische Ökonomie.1906 wurde Kafka zum Dr. jur. promoviert, anschließend leistete er dievorgeschriebene einjährige Gerichtspraxis ab (je ein halbes Jahr Landgerichtund Strafgericht).

Danach wieder ein Versuch, Prag zuverlassen, die 'Hoffnung selbst auf den Sesseln sehr entfernter Ländereinmal zu sitzen' - so ein Brief aus dem Jahr 1907. Feststeht, daß Kafkajedenfalls nicht das werden wollte, was er später wurde: österreichischerBeamter. Damals hießen die Ziele Wien, Madrid oder Südafrika. Aber es blieb beiPrag, bei der Anstellung als Aushilfskraft bei der Prager Dependance desVersicherungskonzernes 'Assicurazioni Generali', dessen übernationaleAusbreitung zumindest noch eine geringe Hoffnung ließ auf die Sessel sehrentfernter Länder. Die Arbeit in der 'Assicurazioni Generali' warunbefriedigend; schon wenige Monate später besuchte Kafka einen Kursus fürArbeiterversicherung an der Prager Handelsakademie, die Vorbereitung auf seinenEintritt in die 'Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das KönigreichBöhmen in Prag' im Juli 1908.



Im gleichen Jahr veröffentlichte Kafkadie ersten Prosastücke in Franz Bleis Zeitschrift 'Hyperion', achtkurze texte, die später in den ersten Band, 'Betrachtung' (1912)übernommen wurden. Zu schreiben begonnen hatte Kafka bereits als Schüler;später notierte er: 'Mit welchem Jammerhabe ich angefangen! WelcheKälte verfolgte mich aus dem Geschriebenen tagelang! ich bekam selbstinnerhalb des Familiengefühls einen Einblick in den kalten Raum unserer Welt,den ich mit einem Feuer erwärmen müßte, das ich erst suchen wollte'(Tagebücher). Der erste größere Text, der sich erhalten hat, entstand währenddes Studiums: 'Beschreibung eines Kampfes', eine sehr lockerkonstituierte, betrachtende Prosa, 'chinesisch' und französisierendim Genre der Zeit, freilich bereits mit kafkascher Thematik, mit dem Staunenüber die 'Festigkeit, mit der die Menschen das Leben zu tragenwissen', der kaum ertragbaren 'Anstrengung, die Dinge der Erde ummich zu sehn'.

Franz Blei, Schriftsteller undLiteraturhistoriker, Vermittler der zeitgenössischen französischen Literaturund Vertreter eines galanten Jugendstils, hat um diese Zeit (neben demlebenslangen Freund Max Brod) großen Einfluß auf Kafka ausgeübt, durch diebeiden erotischen Zeitschriften 'Amethyst' und 'Die Opale'(Privatdrucke, 1906 und 1907), durch den (zweimaligen) Abdruck in derZeitschrift 'Hyperion', durch die Verbindung zu Carl Sternheim, demspäteren Mitherausgeber der Zeitschrift 'Marsyas', durch dieZeitschrift 'Die weißen Blätter' (in der später Kafkas 'DieVerwandlung' erschien). Franz Blei machte Kafka wohl auf den Roman'Der Garten der Qualen' von Oktave Mirbeau aufmerksam, einer derHauptquellen für die 'Strafkolonie'; möglicherweise kam der Hinweisauf Regina von Wladiczeks 'Fieberschule der Amalgamisten' ebenfallsvon Blei.

In den ersten Berufsjahren sind KafkasInteressen sehr vielseitig. Gemeinsame Ferienreisen mit Max Brod nachOberitalien, Paris und Weimar. Ausflüge in die nähere Prager Umgebung, Besuchein Cafés und Chantants. Teilnahme an Vorträgen über Psychoanalyse, Theosophie,Relativitätstheorie und Quantentheorie. Zahlreiche Besuche der Aufführungeneiner jiddischen Schauspielgruppe. Lektüre von Kleist, Flaubert, Robert Walser.Im Gegensatz zu anderen prager-deutschen Schriftstellern besuchte Kafka häufigtschechische Wahlversammlungen, so besonders die der Nationaldemokraten,Sozialdemokraten und der Sozialisten, die tschechische Tagespolitik verfolgteer in der Zeitung 'Cas'. Bemerkenswert schließlich Kafkas Beziehungzum 'Klub Mladych' (der pazifistische und antiklerale Ziele vertrat),zur 'Tschechischen Anarchistischen Bewegung'; er besuchteProtestversammlungen gegen die Hinrichtung des Begründers der 'ModernenSchule' Francisco Ferrer und die des Pariser Arbeiterführers Liabeuf, eineGedenkfeier für die Pariser Kommune; liest Peter Kropotkin, Michail Bakunin,Lily Braun, Alexander Herzen.

Das Jahr 1912 hat Kafka als Lebenswendeangesehen: Es beginnen die 'Heiratsversuche' (im August lernt er beiMax Brod Felice Bauer kennen), es entstehen eine erste und Teile einer zweitenFassung des Romans 'Der Verschollene' (Nach Kafkas Tod von Max Brodals 'Amerika' veröffentlicht) sowie die Geschichten 'DasUrteil' und 'Die Verwandlung'; es erscheint das erste Buch('Betrachtung'). 1913 entstehen keine größeren Werke; die riesigeKorrespondenz mit Felice erdrückt jede Produktion. Am 6. September führt Kafkanach Wien zu einem 'Internationalen Kongreß für Rettungswesen und Unfallverhütung',danach, 'grenzenlos unglücklich', nach Venedig und Riva am Gardasee;die Korrespondenz mit Felice bricht ab. Im Sanatorium Hartungen in Rivaverliebt sich Kafka in die Schweizerin Gerti Wasner, eine Liebe, über die erlebenslang Stillschweigen bewahrt. Am 29. Oktober der erste Brief an Felice:'Ein dauerndes Zusammenleben ist für mich ohne Lüge ebenso unmöglich wieohne Wahrheit.'




Im Winter 1916/17 bezieht Kafka ein vonseiner jüngsten Schwester Ottla gemietetes kleines Häuschen in der Alchimistengasseauf der Prager Burg; dort entstehen die meisten der 'Landarzt'-Erzählungen. Im Juli 1917 verlobt sich Kafka zum zweitenmal mit Felice Bauer;der Ausbruch der Lungentuberkulose im Herbst desselben Jahres ist dann der'offizielle' Grund für die endgültige Lösung des Verlöbnisses.'Falls ich in nächster Zeit sterben oder gänzlich lebensunfähig werdensollte - so darf ich sagen, daß ich mich selbst zerrissen habe. Die Welt -Felice ist ihr Repräsentant - und mein Ich zerreißen in unlösbarem Widerstreitmeinen Körper' (Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa ausdem Nachlaß). Es war so, daß das Gehirn die ihm auferlegten Sorgen undSchmerzen nicht mehr ertragen konnte. Es sagte 'Ich gebe es auf; ist hier abernoch jemand, dem an der Erhaltung des Ganzen etwas liegt, dann möge er miretwas von meiner Last abnehmen und es wird noch ein Weilchen gehn.' Da meldetesich die Lunge, viel zu verlieren hatte sie ja wohl nicht.' (Briefe anMilena)

Im Herbst 1917 übersiedelt Kafka zu seinerSchwester Ottla, die in Zörau (Nordwestböhmen) auf einem Bauernhof arbeitete.Im Sommer 1918 in Prag, im Herbst erneuter Urlaub, in Schelesen, wo er JulieWohryzek kennenlernt, mit der er sich verlobt. Im November 1919 entsteht der'Brief an den Vater'. 1920 beginnt der Briefwechsel und dieFreundschaft mit seiner tschechischen Übersetzerin Milena Jesenska. Entlobungmit Julie. Zahlreiche Erzählungen entstehen.

1922 wird Kafka (wegen desfortgeschrittenen Stadiums seiner Lungentuberkulose) endgültig pensioniert. Esentsteht, in Prag und in Plana (bei seiner Schwester Ottla), der Roman'Das Schloß', der im Herbst aufgegeben wird. Danach lebt Kafka wiederin Prag, bis zu seinem Sommerurlaub 1923 in Müritz an der Ostsee, wo er DoraDiamant kennenlernt, mit der er im September nach Berlin übersiedelt. AnfangApril 1924 wird Kafka schwerkrank in ein Sanatorium bei Wien gebracht, wo er am3. Juli im Alter von 41 Jahren stirbt.

Milena Jesenska: 'Gewiß steht dieSache so, daß wir alle dem Augenschein nach fähig sind zu leben, weil wirirgendwann zur Lüge geflohen sind, zur Blindheit, zur Begeisterung Aber erist nie in ein schützendes Asyl geflohen Darum ist er allem ausgesetzt,wovor wir geschützt sind. Er ist wie ein Nackter unter Angekleideten.'


DieEltern:

Seine Eltern, die beide erst um 1880 aus der böhmischen Provinz nach Prag übersiedelten, repräsentierengeradezu das gesellschaftliche und sprachliche Gemisch der damaligen k.k.Landeshauptstadt: Der Vater, Hermann Kafka, stammte aus dem tschechisch-jüdischenProvinzproletariat, einer Fleischhauerfamilie im winzigen südböhmischen OrtWossek, die Mutter Julie aus einer vermögenden deutsch-jüdischen Tuchhändler-und Brauerfamilie in Podiebrad an der Elbe. 93 Prozent der Einwohner Prags zudieser Zeit sprachen tschechisch - die 7 Prozent Deutschsprechendenrepräsentierten aber zugleich die Oberschicht: Beamte, Industrielle, Offiziere,Kaufleute, Bankiers. So wurden die Kinder der Familie Kafka (der Sohn Franz unddrei Töchter Elli, Valli und Ottla), deutsch erzogen, um ihr bürgerlichesFortkommen zu sichern.

Kafkas Vater hatte in seinem sich immermehr vergrößernden Galanteriewarengeschäft ein polterndes Domizilaufgeschlagen, die Angestellten galten ihm als 'Vieh' oder'Hunde'; die gütige und kluge Mutter hatte ihm dort oder beimabendlichen Kartenspiel stets Gesellschaft zu leisten. Das Kind wuchs unter derObhut von Köchinnen, Ammen und Dienstmädchen auf, die Erziehung durch dieEltern beschränkte sich auf Anweisungen bei Tisch und Befehle.

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Author: Geoffrey Lueilwitz

Last Updated: 12/24/2022

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